Die
Wüste kommt
Mit
der Zeit wurden die eindrücklichen Termitenhügel
immer kleiner und seltener. Auch die Bäume der Savanne waren
weniger hochstämmig. Als wir einen Typen in Renner Springs
fragten, wann endlich die Wüste kommt, sagte er "Ihr seid
drin! Hier beginnt die Wüste". In der Tat markiert dieser
kleine Ort (nach reiflicher Überlegung erklärte unser Gesprächspartner,
der Ort habe elf Einwohner) den mehr oder weniger offiziellen
Beginn der (Halb-)Wüste. In der Folge wurde die Vegetation noch
niedriger, Büsche und
Gräser gaben bald den Ton an und wir sahen auch weiter, da ja
keine Bäume mehr die Sicht hemmten. Da wir wild campierten,
mussten wir uns jeden Abend von Neuem einen dornenfreien Platz
herrichten. Leichter gesagt, als getan, wenn der ganze Boden von
Dorngebüsch bedeckt ist!
Etwa
100km südlich von Tennant Creek befinden sich die Devils
Marbles. Viel kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen; die
Devils Marbles liegen einfach seit Jahrtausenden da. Besonders
gefallen hat uns nebst den kuriosen Formen, die zu finden sind
auch die Tatsache, dass man die Klunker frei erkunden und begehen
kann. Sie sind touristisch noch nicht ausgeschlachtet, obwohl sie
nur gerade einen halben Kilometer oder so vom Stuart HWY entfernt
sind. Wir nahmen uns recht viel Zeit und liessen die Riesenklunker
einfach auf uns wirken.
Fast
könnte man meinen, der Wind wollte um jeden Preis verhindern,
dass wir nach Alice
Springs kamen. Er war nun so stark, dass er auch Aldi an Kraft
und Nerven zehrte. Geschafft haben wir es trotzdem. In der Stadt
verbrachten wir zwei wohlverdiente Ruhetage, welche jeder
individuell nutzte. Ich kaufte ein paar
"zivilisationstaugliche" Hosen. Natürlich war auch
duschen angesagt. Geduscht, Kleider gewechselt und gewaschen wurde
in der Regel dann, wenn wir einen Ruhetag in einer Stadt einlegten
und auf einem Campingplatz übernachteten (kam so alle 5-6 Tage
vor).
Ein
besonderes Erlebnis war das Abendessen, das wir im "Casa
Nostra", einem tollen italienischen Restaurant assen, bevor
wir die Stadt im Dunkeln verliessen. Da mein Halogenglühbirnchen
seit schätzungsweise 600-700km (also bereits vor Tennant Creek)
kaputt war, sah ich nicht allzu viel und hatte fast einen
Zusammenstoss mit einem Fussgänger, welcher der dunklen Strasse
folgte. Dabei kann mir niemand vorwerfen, ich hätte nicht alles
unternommen, um an eine Ersatzbirne zu gelangen. In Tennant Creek
fragte ich in den anderthalb "Veloläden" nach, nicht
einmal die beiden Geschäfte in Alice Springs konnten in dieser
Hinsicht was bieten. Erst in Port
Augusta, am andern Ende des Kontinents war Ersatz zu
beschaffen! Noch heute gehen bei mir die Emotionen hoch, wenn ich
daran denke.
The
Red Centre und unsere kulinarischen Höhenflüge
Zwei
Tage später, bei Erldunda, bogen wir auf den Lasseter HWY ein,
der uns zum Ayers Rock / Uluru
führen sollte. Die Strasse behagte uns nicht so wie der Stuart
HWY, da sie weniger breit ist. Als Entschädigung dafür hatten
wir beim Hinfahren mehr oder weniger Rückenwind, bedingt durch
die Richtung des Highways. Sympathischer als die Strasse sind
jedoch die beiden Roadhouses Mount Ebenezer und Curtin Springs.
Dasjenige von Mount Ebenezer gehört einer Gemeinschaft von Yolngu
(Aborigines) und lädt mit einer Galerie mit Kunstwerken zum
verweilen ein. Curtin Springs ist einfach stimmungsvoll und verfügt
über einen schön spartanischen Campingplatz: Unpowered Sites,
d.h. Plätze ohne Strom und Gas sind gratis, der Boden ist dafür
mit dem Wüstenboden ungefähr ebenbürtig, aber wir waren’s uns
mittlerweile ja gewohnt.
Tags
darauf erreichten wir Yulara, das Dorf in der Nähe des Uluru.
Zwar war dieser Zeltplatz grasgrün, doch leider wollte das teuer
bezahlt sein. Zu teuer. Wir zogen den Wüstenboden vor und liessen
uns an der Grenze zum Nationalpark etwa 6-7km vor dem Städtchen
nieder. Für drei Tage wurde dieses Plätzchen unser zu Hause, und
ich fühlte mich dort sehr wohl. Ich möchte denn auch den
kulinarischen Teil erwähnen, bevor ich über den Monolithen
berichte. Wir hatten hier die Gelegenheit, Kartoffeln und Fleisch
zu kaufen (der Supermarkt und die Post werten Yulara enorm auf, da
es sich um nützliche Institutionen handelt). Bratkartoffeln mit
Geschnetzeltem hätte es ursprünglich geben sollen. Doch weil die
Kartoffeln trotz viel Butter nicht recht anbraten wollten und der
viele Käse, den wir darüber gaben das Ganze ziemlich amorph
gestaltete, warfen wir einfach alles zusammen – die Yulara-Pampe
war geboren (© by Aldi & Wilu). Köstlich!
Zu
erwähnen ist schliesslich noch, dass das Red Centre wegen
vorangegangenen ausgiebigen Niederschlägen sehr grün war, und
dass die Temperaturen auch tagsüber nicht gerade so waren, dass
man sich am liebsten die Kleider vom Leibe gerissen hätte – ich
fand's schlicht saukalt.
Nun
zum "Pflichtteil" der Australienreise. Wir fuhren am
ersten der drei Ruhetage im Rahmen einer Führung im Kleinbus zu
den Olgas / Kata Tjuta und Ayers Rock / Uluru.
Zuerst besuchten wir Kata
Tjuta. Aldi und ich sahen uns das Ganze in Ruhe an, da kam uns
auch schon der Reiseleiter suchen, da wir sonst nicht pünktlich
bei Sonnenuntergang beim Uluru seien. Es reichte dann doch noch.
Hunderte von Leuten schauten sich von der Sunset Area das
Farbspiel der Natur an. Doch sobald das glühende rot am erlöschen
war und sich das Farbspiel im Himmel fortsetzte waren die meisten
Autos schon weg, und auch unsere Reisegruppe fand sich schon
startklar im Kleinbus. Es lebe der Massentourismus!
Als
wir uns Uluru tags darauf mit den Fahrrädern nochmal anschauen
wollten, riss Aldis Wechsler aus dem Gewinde aus. Per Autostop
kehrte er zum Zelt zurück, nachdem wir das monumentale Gestein
gemeinsam etwas angesehen hatten. Als ich spätnachmittags beim
Zelt ankam, hatte Aldi den Wechsler behelfsmässig geflickt, doch
es war klar, dass dies nicht die Lösung sein konnte. Es war nötig,
dass er das Teil am folgenden Tag in einer Autowerkstatt im
echten, "unsauberen" und sympathischen Teil von Yulara
ein bisschen definitiver reparieren liess. Der Mechaniker hatte
keine Drehbank zur Verfügung und führte so mit Seitenschneider,
Säge und Improvisation eine authentische Busch-Reparatur durch.
Schliesslich konnte Aldi zwar den grössten und den kleinsten
Kranz der Cassette nicht benutzen, doch das Velo fuhr wieder und
wir konnten unsere Reise fortsetzen.
Wir
hatten unterwegs beschlossen, den Kings
Canyon / Watarrka zu besuchen, da er uns auf den Postkarten
sehr gut gefiel. Wir bogen also auf die Luritja Road ein. Als ich
glaubte, eine geeignete Stelle für unsere Mittagspause gefunden
zu haben, schaute ich mir das Plätzchen mal genauer an und
handelte mir doch glatt einen Plattfuss ein. Als Aldi aufkreuzte
sagte ich ihm, dass wir gezwungenermassen an dieser Stelle zu
Mittag essen müssten, da ich einen Platten hätte. Er nahm das
zur Kenntnis und überbot mein Missgeschick, indem er erklärte,
dass sein Rahmen angerissen sei! In der Tat waren auf beiden
Seiten der gefederten Hinterbaustrebe auf gleicher Höhe zwei Risse
zu sehen. Aldi konnte sein Fahrrad über Nacht bei einem
nahen Gehöft abstellen. Am nächsten Morgen fuhr er mit Jack, der
ihm schon am Vortag geholfen hatte in Richtung Alice Springs, um
die defekte Schwinge reparieren zu lassen. Ich fuhr alleine weiter
und erreichte mit Rückenwind (!) die Frontier Lodge.
Am
nächsten Tag besuchte ich den Kings Canyon. Er war einfach
atemberaubend. Die Nord- und die Südwand waren sehr verschieden.
Gemeinsam war ihnen aber, dass sie beide senkrecht bis überhängend
in die Tiefe fielen. So verbrachte ich fast den ganzen Tag in der
Nähe des Abgrundes. Schade, konnte Aldi das nicht auch sehen. Ich
konnte mit ihm per Combox kommunizieren und erfuhr so, dass er in
Alice Springs war, das Liegerad bereits geflickt, und dass er am nächsten
Tag hier sein sollte. Tatsächlich traf er am nächsten Tag ein
und wir besichtigten den Canyon noch einmal zusammen.
Back
on the Track
Zurück
auf dem Stuart HWY setzten wir unsere Reise nach Süden fort und
erreichten nach einem Tag die Grenze zwischen dem Northern
Territory und South Australia. Die Strasse wurde merklich breiter,
die Strassenpfosten waren anders und der Strassengraben bestand
nun aus lockerem Material. Ausserdem wurde es endlich wieder etwas
wärmer.
Dann
also näherten wir uns Coober
Pedy. Etwa die Hälfte der Bewohner dieser Opalsucher-Stadt
leben in unterirdischen Wohnungen um der brütenden Hitze der
Sommersonne und den frostigen Nächten des Wüstenwinters zu
entgehen. Wir schlugen unser Lager jedoch in gewohnter Manier
oberirdisch auf. Die Stadt hat Charakter, sie ist gewachsen, nicht
geplant wie etwa Yulara. Die Trottoirs (Gehsteige) sind aus losem
Material, überall hat’s Staub. Zum ersten mal fiel uns das im
Supermarkt so richtig auf und es lag nur zum Teil daran, dass die
Waren seit Jahren im Gestell auf einen Käufer warteten (wir
kauften Halbpreis-Milkaschokolade, die bereits ein Jahr Überdatum
hatte, was wir freilich zu spät merkten). Ausserdem wirbelte der
heftige Wind ständig Staub vom kahlen Boden auf.
Woomera
und Lake Hart
Jetzt
lag das längste Stück ohne Verpflegungsmöglichkeit vor uns:
252km sind es von Coober Pedy bis nach Glendambo (30 Einwohner,
siehe Photo). Ca.230km führen
durch die Woomera
Prohibited Area. Hier im menschenleeren Gebiet sah die
Landschaft etwa so wüstenmässig aus, wie ich mir das gewünscht
habe. Weit und breit einfach Nichts, Nichts, Nichts.
Ein
weiterer Höhepunkt war der Salzsee Lake
Hart. Wir kamen in der Dunkelheit an und erkannten am Morgen
den Salzsee. Natürlich mussten wir uns das aus der Nähe ansehen.
Wir verbrachten etwa eine Stunde am und auf dem See, der übrigens
grossenteils mit Wasser gefüllt war. Dort konnten wir auch vier
Emus beobachten, die einen Morgenspaziergang unternahmen.
Wir
waren noch drei Tagesreisen von Port
Augusta entfernt, als Aldi einen Defekt an seinem Vorderrad
feststellte. Es stellte sich heraus, dass seine Felge futsch war.
Er konnte zwar noch fahren, musste jedoch Luft aus dem Reifen
lassen, um nicht einen Felgenplatzer zu riskieren – das kostete
natürlich viel Kraft beim Fahren. Nichts desto Trotz: wir
schafften es wohlbehalten bis nach Port Augusta und hatten somit
den Kontinenten durchquert. Glücklicherweise fand Aldi in Port
Augusta eine Ersatzfelge (was nicht leicht war) und die erwähnte
Ersatzbirne für meinen Scheinwerfer.
Mit
der Ankunft in Port Augusta waren wir aber wieder in den "Fängen"
der Zivilisation und quälten uns nun auf dicht befahrenen
Strassen bis Adelaide. Es war nicht wirklich schön und die rücksichtslose
Fahrweise der motorisierten Verkehrsteilnehmer löste in mir
manchen Wutanfall aus. Der Regen, der Wind und die Kälte taten
ein übriges. So fuhren wir bei täglichem Regen bis Adelaide.
Nach einer kleinen Irrfahrt fanden wir weit abseits des Zentrums
einen Campingplatz. Hier war aber nicht mehr die lockere Haltung
des Nordens anzutreffen, vielmehr waren schweizerische Genauigkeit
und Pünktlichkeit angesagt. Wir nahmen's nur ungern zur Kenntnis.
Das Radfahren in einer so grossen Stadt ist nicht wirklich ungefährlich
aber man kommt recht gut voran. Mich zog es zum Strand von Glenelg,
die Felgen meines Velos werden mir diesen
Abstecher wohl nicht so schnell vergessen...
Trotz
einiger Widrigkeiten erreichten wir schliesslich gesund und
wohlbehalten Melbourne,
wo wir bei einer Internet-Bekanntschaft von Aldi wohnen konnten.
Die Stadt gefiel mir sehr gut, das lag zum Teil vielleicht auch
daran, dass wir trotz leichter Zeitnot am Ziel unserer Reise waren
und das Erlebte langsam fassen konnten. Zusammen besichtigten wir
unter anderem den Rialto Tower, welcher das höchste Gebäude auf
der südlichen Hemisphäre sein soll. Dort schrieben wir Karten
und genossen einfach die gemeinsam erlebten Abenteuer. Und das
waren nicht wenige!