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Anreise und Vorbereitung vor Ort
Zur Anreise von Biel (CH) über Singapur und Brisbaine nach Darwin möchte ich nur wenige Zeilen verlieren. Unsere Liegeräder mussten wir für den Transport im Flugzeug glücklicherweise nicht zerlegen. Wir verpackten sie am Flughafen in Zürich/Kloten und montierten lediglich exponierte Teile ab. Die verdutzten Blicke einiger Touristen waren uns schon da gewiss – doch es sollte nicht das letzte mal sein, dass wir für etwas verrückt gehalten wurden. Der Flug mit Singapore Airlines war trotz der Flugdauer von ca.12h recht angenehm. Im Stadtstaat hatten wir dann einen neunstündigen Aufenthalt. Wir bewunderten den grossen, und doch behaglichen Flughafen und nahmen an einer Gratis-Stadtrundfahrt teil. Die englischen Kommentare der Reiseführerin waren interessant, doch fiel es uns manchmal wegen der Müdigkeit schwer, uns darauf zu konzentrieren. Auf dieser Rundfahrt lernten wir ein australisches Ehepaar kennen, welches auf der Heimreise von den Ferien war. Als wir von unserem Vorhaben, den Stuart Highway zu befahren erzählten, meinte sie bloss: "You have rocks in your heads!". Na dann... 07.05.2000: Irgendwann in der wunderschönen Morgendämmerung auf unserem Weiterflug sahen wir’s: das erste australische Licht, irgendwo im Nirgendwo des Outbacks. Aldi flippte fast aus, während ich –wie bis jetzt die ganze Zeit– ziemlich desinteressiert blieb. Dies änderte sich schlagartig, als wir in Brisbaine australischen Boden unter den Füssen hatten. Nun war ich es, der total aus dem Häuschen war. In Darwin angekommen setzten wir erst mal unsere Velos instand (Anmerkung für einige Nicht-Schweizer: Velo = Fahrrad. Dieser Ausdruck aus dem Französischen scheint nicht überall so geläufig zu sein, wie in der Schweiz). Vor dem Flughafen wanderte der Schatten des Vordaches, und ich tat es ihm ebenso, denn die Hitze der Sonne war doch recht erschlagend. Erst als die Sonne unterging waren unsere Arbeiten beendet und wir fuhren –natürlich auf der linken Strassenseite, wie sich das in Australien gehört– in die Stadt, um eine Jugendherberge aufzusuchen. Erst da wurde mir bewusst, dass auf der Südhalbkugel im Mai der Winter naht und die Tage dementsprechend kurz sind. Wir waren heilfroh, als wir in der Stadt ankamen, denn der Linksverkehr war uns noch nicht so im Blut. Wir fanden eine Jugendherberge, wo wir die nächsten zwei Nächte blieben. Nach und nach klimatisierten wir uns an. Aldi besorgte sich bei "Wheelman", dem Veloladen von Darwin, noch einen Wimpel ehe wir am Mittag des 09.05.2000 aufbrachen. Wir wussten nicht, dass es für laaange Zeit der letzte Fahrradladen war, der diesen Namen auch verdient.
Los geht’s
Ich habe mir keine grossen Vorstellungen von Australien gemacht, aber zwei fixe Bilder hatte ich im Kopf: Nach dem Betrieb in Darwin folgt die stille Einsamkeit der Wüste – Kontrast pur; eine einsame Strasse bahnt sich ihren Weg durch die Weite etc. etc... Doch die Enttäuschung war schon nicht zu leugnen: anstatt der plötzlichen Einöde war der Übergang Stadt-Umland recht fliessend. Und: anstatt von Wüste waren wir links und rechts von subtropischen Wäldern und Sümpfen umgeben. Dafür fiel das Pedalen trotz des Gepäcks erstaunlich leicht. Das Wasser, das wir in unsere zahlreichen Flaschen füllten, war in zwei Geschmacksrichtungen erhältlich: CHLOR und ROHR. An diese Tatsache gewöhnten wir uns zwangsläufig. Wegen der Gefahr von "Salties", den Salzwasserkrokodilen, die in den Sümpfen des Nordens leben, wollten wir unser Zelt bis Katherine nur auf Campingplätzen aufstellen. Die Tatsache, dass schon in der ersten Nacht eine Schlange den Eingang unseres Zeltes als Rastplatz betrachtete, versetzte uns nicht gerade in Euphorie. Zudem zeigte sich das nette Tierchen nicht im Geringsten beeindruckt, als wir in seiner Nähe auf den Boden stapften (was ja Schlangen vertreiben soll; aber wahrscheinlich nur, wenn man noch relativ weit von ihnen entfernt ist und sie sich noch unentdeckt fühlen). Immerhin, es war was los! Schon am nächsten Tag machten wir mit unserem treusten Begleiter, dem Gegenwind, Bekanntschaft. Aldi hat da seine Vorteile, denn sein Liegerad hat hinten einen Kofferraum, der gleichzeitig als Heckverschalung dient und so das Velo aerodynamischer macht. Da hatte ich schon das Nachsehen. Nebst den verschiedenen Reisegeschwindigkeiten hatten wir auch sonst nicht immer den gleichen Rhythmus, und so kam es zu einigen Meinungsverschiedenheiten. Das wurde aber viel besser, als wir nach etwas über einer Woche gestaffelt mit einem Abstand von ca. 15min fuhren. Man hatte nicht dauernd das Fahrrad des Kollegen im Blickfeld, konnte im eigenen Rhythmus fahren und als wir uns jeweils nach 20km wieder sahen, hatten wir uns mehr zu erzählen, als wenn wir nebeneinander fuhren. Wichtig bei dieser Art des Fahrens ist einfach, dass der Hintermann Werkzeug und Pumpe, sowie die Reiseapotheke bei sich hat, andernfalls hat er bei einer allfälligen Panne ziemliches Pech gehabt.
Fledermäuse und Känguruossobucco
Nach etwas über 300km erreichten wir Katherine, mit etwa 11'500 Einwohnern die grösste Ortschaft seit Darwin. In der Dämmerung sahen wir einen Schwarm Vögel über die Stadt ziehen. Bei genauerem Betrachten merkten wir, dass es nicht Vögel sondern Flughunde waren. Tausende, wenn nicht Zehntausende dieser Tiere flogen während Minuten über unsere Köpfe hinweg. Wow! In Katherine wollten wir einen Ruhetag einlegen, welchen ich nutzte, um die gut 30km entfernten Katherine Gorges im Nitmiluk Nationalpark zu besichtigen. Stammte der Geruch der Verwesung entlang der Strasse bis zu diesem Zeitpunkt vorwiegend von Viehkadavern, wimmelte es auf dieser Strasse nur so von plattgefahrenen Dingos. Da ich ziemlich grosse Angst vor Hunden habe, könnt ihr euch meinen Adrenalintrip wohl gut vorstellen. Dass die Vierbeiner noch mehr Angst vor mir haben, als umgekehrt wusste ich da noch nicht, diese Erfahrung sollte ich erst später machen. Die Schlucht war sehr schön. Man konnte Kanus mieten, was ich aber unter anderem aus Zeitgründen unterliess. Stattdessen erklimmte ich die steilen Wände der Schlucht und genoss es einfach, zu sein und die Landschaft auf mich wirken zu lassen. Da der Weg wie erwähnt sehr steil war, kamen kaum Leute vorbei. In Mataranka mussten wir am Morgen warten, bis der Supermarkt die Türen öffnete. Alle Anwesenden, die ebenfalls warteten, versammelten sich um unsere Liegevelos und hatten tausend Fragen auf Lager. Bald gesellten sich eine Ostdeutsche und ein Australier dazu, die seit Jahren per Velo den Australischen Kontinent bereisen. Lustigerweise fand ich Peter und Claudia auch auf einer anderen Webseite eines Australienreisenden erwähnt. Sie scheinen sich also einer gewissen Popularität in der Radfahrergemeinde zu erfreuen. Er war von unseren Pneus (Schwalbe Marathon) begeistert und sie hatte viele Tips und Tricks auf Lager, so z.B. wie man aus den Schwänzen frisch überfahrener Känguruhs feinen Ossobucco macht. Guten Appetit! – wir zogen aber vertrautere Nahrungsmittel vor. Unser Speiseplan bestand aus einigen wenigen Komponenten: am Morgen assen wir Müesli (auf englisch "Miusli" ausgesprochen, zu Hochdeutsch "Müsli"), manchmal Wheat Bix, welche ohne Süssmittel nach Pappe schmecken. Als Süssmittel etablierte sich neben Zucker auch Honig. Kein Frühstück ohne Milch – frisch oder als Kondensmilch aus der Tube. Zu Mittag gab’s in der Regel Pasta oder Reis, dazu immer Käsescheiben. Zwischendurch futterten wir Schokolade. Die gibt’s in Form praktischer 400g Tafeln. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Müesliriegel und Weinbeeren / Sultaninen, die wir während des Fahrens verdrückten. Aldi musste erfahren, dass es sich nicht lohnt, ein ganzes Säckchen Pflaumen aufs mal zu futtern – und war froh, dass wir gerade bei einem Roadhouse mit Toilette vorbeikamen...
Die Wüste kommt
Mit der Zeit wurden die eindrücklichen Termitenhügel immer kleiner und seltener. Auch die Bäume der Savanne waren weniger hochstämmig. Als wir einen Typen in Renner Springs fragten, wann endlich die Wüste kommt, sagte er "Ihr seid drin! Hier beginnt die Wüste". In der Tat markiert dieser kleine Ort (nach reiflicher Überlegung erklärte unser Gesprächspartner, der Ort habe elf Einwohner) den mehr oder weniger offiziellen Beginn der (Halb-)Wüste. In der Folge wurde die Vegetation noch niedriger, Büsche und Gräser gaben bald den Ton an und wir sahen auch weiter, da ja keine Bäume mehr die Sicht hemmten. Nun fiel auch mein zweites Bild von Australien der Realität zum Opfer: "Wüste" im Herzen Australiens heisst nicht wirklich endlose Ebene, ein einsamer Termitenhügel am Rand der Strasse und unendlich viel Sand. Es heisst viel mehr: flache und steile Hügel, keine Termitenhaufen – dafür überall Dornenbüsche. Wir entwickelten dafür den Ausdruck "Agrochrut", da es sich dabei um ein Kraut handelt, welches mit den unendlich vielen spitzen Dornen ein recht aggressives Erscheinungsbild pflegt; was seinerseits jeweils unsere Aggressionen zu Tage treten liess, als wir einen dornenarmen Platz fürs Zelt schaffen mussten.
Die Problematik Weiss-Schwarz
Nach etwas über 1100km erreichten wir des Nachts Tennant Creek, das uns als die hinterletzte Ortschaft beschrieben wurde. Wir wussten bald weshalb. Vor der Stadt fährt man durch eine "Range", eine Berg- oder Hügelkette. Danach folgt eine Abfahrt. Auf den ersten Metern in der Siedlung wurden wir von Aborigines-Kindern freundlich begrüsst. Wir grüssten zurück und ehe wir uns versahen, versuchten die kleinen Racker, uns von hinten zu steinigen (ist das der Grund, weshalb in Australien ein Helmobligatorium besteht?). Zum Glück ging’s bergab, so dass wir besser beschleunigen konnten. Ausser einem indirekten Treffer in Aldis Allerwertesten waren wir unversehrt. Diese Attacke zeugt von den Problemen und Spannungen zwischen den Weissen und den Aborigines (es gibt viele Ausdrücke, wie sie sich selbst nennen. Im Arnhem Land im Norden Australiens nennen sie sich beispielsweise "Yolngu". Ein allgemeinerer Ausdruck ist meines Wissens "Koori"), welche die ursprünglichen Bewohner und Besitzer dieses Kontinents sind. Ihre Zahl ist seit der Eroberung durch die Engländer stark zurückgegangen, ihre Rechte ebenso. Heute fristen sie grossteils ein trauriges Dasein am Rande der Gesellschaft. Sie sind stets in Gruppen anzutreffen, häufig betrunken, schreien und streiten dadurch viel. Es ist nicht gerade ein Ruhmesblatt für Australien, dass in einer Gesellschaft nach westlichem Modell eine Minderheit so ausgegrenzt und an oder jenseits der Armutsgrenze leben muss. Weitere eindrückliche Zeugen für das Aneinandervorbeileben sind die Zäune, welche die Häuser der Weissen umgeben; ausserdem sind nach 20h oder 21h nur noch Aborigines in den Strassen, die Weissen haben sich in aller Regel in ihren Häusern "verschanzt". Ich möchte noch ein weiteres Erlebnis anfügen, das von der Problematik des Rassismus zeugt: als wir am Abend unseres Ruhetags in ein Restaurant essen gingen, kam es draussen zu einer Schlägerei unter Aborigines. Als einer zu Boden ging fragte ein Gast die Kellnerin, ob er tot sei. Nach der verneinenden Antwort meinte der Mann bloss: "schade". Damit möchte ich dieses düstere Kapitel abschliessen und nur noch anfügen, dass wir auch weitaus angenehmere Begegnungen mit Yolngu hatten.
Die "Teufelsmurmeln"
Beim Erstellen dieser Webseite hätte ich doch tatsächlich die Devils Marbels fast zu erwähnen vergessen. Das wäre wirklich schade gewesen, überzeugt euch selbst davon! Viel kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen; die Devils Marbles liegen einfach seit Jahrtausenden da. Das Schöne daran ist, dass man sie ganz frei angucken kann. Sie sind touristisch noch nicht ausgeschlachtet, obwohl sie nur gerade einen halben Kilometer oder so vom Stuart HWY entfernt sind, wo ja alles durch fährt, das von Alice Springs nach Darwin will – oder umgekehrt. Wir nahmen uns recht viel Zeit und liessen die Riesenklunker einfach auf uns wirken.
Über die Roadhouses
250km südlich von Tennant Creek liegt Barrow Creek (Creek bedeutet übrigens Bach). Es hatte an diesem Nachmittag leicht geregnet, und ein paar Kilometer vor Barrow Creek, in der Abenddämmerung, war die Luft erfüllt mit einem wohlriechenden Duft von Eukalyptus. Dieses Roadhouse (Verpflegungsstelle, ähnlich einem Pub) war das tollste, das wir bis jetzt gesehen hatten. Es war schon recht alt, die Wände mit fremdländischen Geldscheinen im Wert von 12000 australischen Dollar (1A$ entsprach zu dieser Zeit ungefähr 1CHF) tapeziert. Dieses Haus war einfach stimmungsvoll. Dafür sorgten auch der Barkeeper, der uns einen wohlschmeckenden Gemüseteller auftischte, und die Kundschaft. Ein Tourist war sichtlich erfreut uns wiederzusehen, wir hatten ihn tags zuvor bei den Devils Marbles getroffen und etwas geplaudert. Die Australier trugen alle Jacken mit den Farben ihres favorisierten Footballclubs und waren im Football-Fieber. Wir tranken je zwei "Hot Milos". Der Milo ist neben dem Bier so was wie das Nationalgetränk der Australier. Er ist mit einer heissen Schokolade zu vergleichen, aber meiner Meinung nach fetter und halt eben schon etwas eigen im Geschmack. In dieser Nacht stellten wir unser Zelt nicht zwischen Agrochrut auf, sondern inmitten von meterhohem, nassem Gras.
Velofahrer fallen auf
Zwei Tage später wurde ich von drei Journalisten der schweizer Zeitung "Le Temps" angehalten und interviewt. Sie arbeiteten im Rahmen einer Weltreise der Zeitung an der Australienetappe. Ein kurzer Bericht mit Photo erschien dann tatsächlich in der Zeitung und auf Internet (leider wurden einige Dinge etwas verdreht, beispielsweise die Sache mit den Roadtrains). Diese Episode soll andeuten, dass das Interesse der Leute an Velofahrern schon recht gross ist. Gerade die Australier fahren auf die Liegeräder buchstäblich ab. Es kam vor, dass man im nächsten Dorf bereits von unserem Kommen wusste, da die Reisenden von uns erzählt hatten. Wir wurden auch oft photographiert und gefilmt, mit mehr oder weniger geistreichen Fragen durchlöchert und häufig für verrückt deklariert... Einen weiteren "Medienauftritt" hatten wir in der "Coober Pedy Times", der Lokalzeitung von Coober Pedy – einer bemerkenswerten Opalsucher-Stadt, auf die ich noch zurück kommen werde. Ausserdem wurde ich mal vom italienischen Fernsehen interviewt, gefilmt und aus allen Winkeln photographiert. Ob sie das Material schliesslich brauchen konnten ist eher fraglich, denn vor lauter Aufregung kam ich gewaltig ins Stottern. Ich will mit alldem sagen, dass das Interesse an Radreisenden in Australien gewaltig sein kann. Leute, die eine ähnliche Reise planen, sollten sich das vielleicht vor Augen halten und auf Sponsorensuche gehen. Das Interesse, das euch in eurer Eigenschaft als Radfahrer entgegen gebracht wird, dürfte kein schlechtes Argument sein, oder?
Alice Springs – im Herzen des Kontinents
Wir nähern uns auf unserer Reise langsam Alice Springs. Bereits 60km vor der Stadt fühle ich mich, als wäre ich schon in den Vororten. Zwar ist nirgends auch nur ein Ziegelstein auszumachen, doch das Wissen, nach 1700km wieder in eine richtige Stadt zu kommen, scheint meine Wahrnehmung doch etwas durcheinander zu bringen. Doch das Tagesziel will hart erkämpft sein. Der Wind ist so stark, dass er nun auch Aldi an Kraft und Nerven zehrt. Ich habe nun den Vorteil, dass ich mich während zweieinhalb Wochen daran gewöhnen und mich damit abfinden konnte. Kurz vor der Stadt passieren wir die höchste Stelle des Stuart Highways (Highway = HWY). Leider ist dem "Markstein" nicht zu entnehmen, wie hoch das ist. In der Stadt verbrachten wir einen Ruhetag, den jeder individuell nutzte. Ich kaufte ein paar "zivilisationstaugliche" Hosen. Natürlich war auch duschen angesagt. Geduscht, Kleider gewechselt und gewaschen wurde in der Regel dann, wenn wir in einer Stadt einen Ruhetag einlegten und auf einem Campingplatz übernachteten. Mit der Zeit stank natürlich alles, das Zelt ebenso wie die nie gewaschenen Oberteile. Der Höhepunkt war erreicht, als ich mal drei Meter hinter Aldi fuhr und seinen Gestank dennoch als unerträglich empfand. Er kam seinerseits mal ins Zelt und fragte mich, ob das Zelt oder ich für den üblen Geruch verantwortlich war ...ich glaube es war das Zelt. Ein angenehmer Kontrast zu diesem Thema war das Abendessen, das wir im "Casa Nostra", einem tollen italienischen Restaurant assen, bevor wir die Stadt im Dunkeln verliessen. Da mein Halogenglühbirnchen seit schätzungsweise 600-700km (also bereits vor Tennant Creek) kaputt war, sah ich nicht allzu viel und hatte fast einen Zusammenstoss mit einem Fussgänger, welcher der dunklen Strasse folgte. Dabei kann mir niemand vorwerfen, ich hätte nicht alles unternommen, um an eine Ersatzbirne zu gelangen. In Tennant Creek fragte ich in den anderthalb "Veloläden" nach, nicht einmal die beiden Geschäfte in Alice Springs konnten in dieser Hinsicht was bieten. Erst in Port Augusta, am andern Ende des Kontinents war Ersatz zu beschaffen! Noch heute gehen bei mir die Emotionen hoch, wenn ich daran denke.
Dingos, the Red Centre und unsere kulinarischen Höhenflüge
Tags darauf hatten wir Rückenwind!!! Ich glaube, das war das erste Mal. Auch sonst war es ein etwas besonderer Tag: Als ich am Morgen bei einem Rastplatz an der Strasse friedlich am dehnen war, bemerkte ich keine 7 Meter vor mir zwei Dingos, welche über die Strasse trotteten und in den Mülltonnen nach Essbarem suchten. Wie schon erwähnt: ich habe ziemlich Schiss vor Hunden. Allerdings bemerkte ich hier, dass meine Gegenspieler noch viel mehr Angst hatten. Trotzdem zog ich es vor, so schnell wie möglich zu verschwinden. Dabei sah ich noch zwei weitere Burschen, die auf der Suche nach einem Frühstück waren. Ich war einfach froh, dass nichts passiert war. Das Ganze hatte mich wohl schon irgendwie aufgewühlt, denn ich bemerkte lange Zeit nicht, dass ich auf der falschen Strassenseite fuhr; der Gegenverkehr wies mich schliesslich darauf hin... Bei Erldunda bogen wir auf den Lasseter HWY ein, der uns zum Ayers Rock / Uluru führen sollte. Die Strasse gefiel uns beiden nicht besonders, da sie weniger breit (auch hinsichtlich des Strassengrabens) und gleichzeitig stärker befahren war als der Stuart HWY. Als Entschädigung dafür hatten wir beim Hinfahren einigermassen Rückenwind, bedingt durch die Richtung der Strasse. Am ersten Abend schlugen wir unser Lager in Mount Ebenezer auf. Es handelt sich dabei um ein Roadhouse, das einer Yolngu-Gemeinschaft gehört. Am nächsten Morgen gingen wir hinein, da wir unser Zelt auftauen und trocknen lassen mussten. Es hatte in der Nacht effektiv gefroren (ein Mann erzählte mir in Alice Springs, dass dies der kälteste Winter seit langem sei; die Temperatur sei 8°C unter dem Durchschnitt). Wir gingen also einen Tee trinken, nachdem uns der Chef eingeladen hatte. Das Roadhouse besitzt eine Galerie mit Bildern und Gegenständen, die von Aborigines geschaffen wurden. Die Musik, die zu hören war, gefiel uns beiden auf Anhieb. Sie gefällt mir je länger je mehr – ich habe mir die CD (Birrkuta – Wild Honey) später in Melbourne gekauft. Die Gruppe heisst Yothu Yindi, das bedeutet übrigens "Kind und Mutter". Am nächsten Abend machten wir in Curtin Springs halt. Dies ist neben Barrow Creek das zweite sehr bemerkenswerte Roadhouse. Hier hängt kein Geld an den Wänden, dafür ist ein "original Curtin Springs Bullshit" an die Wand genagelt. Und die Leute sind auch hier einfach toll. Es hat uns zwar etliches an Überredungskunst gekostet, aber schliesslich hat der Koch am späten Abend noch Bacon and Eggs gekocht, ein typisch australisches Frühstück. Auch hier waren wir die Sehenswürdigkeit als eine Horde Touristen aus einem Bus stieg. Am Abend campten wir auf dem Campingplatz. Unpowered Sites, d.h. Plätze ohne Strom und Gas sind gratis, der Boden ist dafür mit dem Wüstenboden ungefähr ebenbürtig, aber wir sind’s uns mittlerweile ja gewohnt. Tags darauf erreichten wir Yulara, das Dorf in der Nähe des Uluru. Der Zeltplatz hier war grasgrün, doch wollten die guten Leute 11A$ pro Person, was uns einfach zu viel war, zumal uns das "Dorf" (Resort) nicht gefiel. Es ist total auf Tourismus ausgerichtet, absolut clean, richtig steril. So beschlossen wir, ausserhalb des Nationalparks wild zu campieren. Im Nationalpark ist es verboten, so mussten wir 6-7km zurück fahren, ehe wir ein geeignetes Plätzchen fanden. Wir verbrachten hier und in der Umgebung fast drei Ruhetage, so dass ich mich fast ein wenig zu Hause fühlte. Ich möchte denn auch den kulinarischen Teil erwähnen, bevor ich über den Monolithen berichte. Wir hatten hier die Gelegenheit, Kartoffeln und Fleisch zu kaufen (der Supermarkt und die Post werten den Ort enorm auf, da es sich um nützliche Institutionen handelt). Bratkartoffeln mit Geschnetzeltem hätte es ursprünglich geben sollen. Doch weil die Kartoffeln trotz viel Butter ("Anke", wie man im Bernbiet sagt) nicht recht anbraten wollten und der viele Käse, den wir darüber gaben das Ganze ziemlich amorph gestaltete, warfen wir einfach alles zusammen – die Yulara-Pampe war geboren (© by Aldi & Wilu). Auch am nächsten Tag liessen wir uns diesen Schmaus nicht entgehen, ergänzten ihn noch mit Tomaten, Knoblauch und Zwiebeln. Köstlich!
Ayers Rock / Uluru und Olgas / Kata Tjuta
Nun zum "Pflichtteil" der Australienreise. Der Eintritt in die Kernzone des Nationalparks kostet 15A$ und ist für 5Tage gültig. Wir fuhren am ersten Ruhetag im Rahmen einer Führung im Kleinbus zu den Olgas / Kata Tjuta und Ayers Rock / Uluru. Das war nebst den öffentlichen Verkehrsmitteln in Melbourne das einzige Mal, dass ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs war. Wir besuchten zuerst Kata Tjuta. Aldi und ich sahen uns das Ganze in Ruhe an, da kam uns auch schon der Reiseleiter suchen, da wir sonst nicht pünktlich bei Sonnenuntergang beim Uluru seien. Es reichte dann doch noch. Hunderte von Leuten schauten sich von der Sunset Area das Farbspiel der Natur an. Doch als das Spiel noch weiter ging und der Hügel zwar nicht mehr so rot, dafür der Himmel umso mehr blau-rosa war, merkte ich, dass die meisten Autos schon weg waren, und auch unsere Reisegruppe fand sich schon startklar im Kleinbus. Aldi hatte zuerst wenig Verständnis, als ich ihm sagte, wir sollten langsam gehen; aber als er die andern erblickte verstand er meine plötzliche Eile. Als wir dann von Yulara –wir hatten unsere Velos dort abgestellt– zum Zelt zurück fuhren, stellte sich heraus, dass das Finden eines hinter Büschen versteckten Zeltes im Dunkeln recht schwierig sein kann... Aber Geduld ist ja schliesslich eine Tugend. Am nächsten Tag schauten wir uns Uluru mit dem Fahrrad an. Dazu mussten wir schon um 4.30h aufstehen, was uns wirklich nicht leicht fiel. Doch wir schafften es gerade, bis zum Sonnenaufgang die knapp 30km zwischen unserem Zelt und Uluru zurückzulegen. Wir wollten den Rock per Velo umrunden (ca.10km), doch es kam vorerst nicht dazu. Aldis Wechsler riss aus dem Gewinde aus. Per Autostop kehrte er zum Zelt zurück, nachdem wir das monumentale Gestein gemeinsam etwas angesehen hatten. Es herrscht übrigens eine Kontroverse, ob die Yolngu als die Besitzer von Uluru (sie haben ihn an die Regierung "vermietet") das Besteigen verbieten, oder ob sie es lediglich nicht sehr schätzen, da sie sich für allfällige Unfälle mit Verletzten und Toten verantwortlich fühlen. Wir beschlossen, unsere Füsse nicht auf den Monolithen zu setzen, obwohl uns das sehr schwer fiel – die Aussicht von oben soll toll sein, man kann Kata Tjuta auf der einen, und den Mt. Conner auf der andern Seite sehen; die drei Erhebungen stehen in einer Linie. Nachdem sich Aldi verabschiedet hatte umrundete ich Uluru zuerst per Velo, dann zu Fuss auf dem Wanderweg. Viele Stellen sind sogenannte "sacred Sites", heilige Stätten, die nur geweihte Koori-Männer oder -Frauen betreten dürfen. Das Photographieren solcher Stellen ist verboten. Schade, denn oft sind es gerade die interessantesten Orte. Aus der Nähe wird klar, dass der Ayers Rock viel mehr zu bieten hat und viel abwechslungsreicher ist, als auf den berühmten Sonnenuntergangphotos. Es gibt wie bei Kata Tjuta Stellen, wo sich die Pflanzen ihren Wohnraum erobert haben. Der Felsen ist nicht so homogen, wie man meint, sondern mit Löchern, Spalten und anderen Elementen sehr abwechslungsreich. Beim Gehen wär' ich übrigens fast auf eine Schlange getreten, hier der Beweis. Als ich beim Zelt ankam, hatte Aldi den Wechsler behelfsmässig geflickt, doch es war klar, dass dies nicht die Lösung sein konnte. Ich gab noch meinen Senf dazu, doch auch so war es nötig, dass wir das Teil am folgenden Tag in einer Autowerkstatt im echten, "unsauberen" und sympathischen Teil von Yulara ein bisschen definitiver reparieren liessen. Der Mechaniker hatte keine Drehbank zur Verfügung und führte so mit Seitenschneider, Säge und Improvisation eine authentische Busch-Reparatur durch. Schliesslich konnte Aldi zwar den grössten und den kleinsten Kranz der Cassette nicht benutzen, doch das Velo fuhr wieder und wir konnten aufbrechen.
Kings Canyon / Watarrka
Wir hatten spontan beschlossen, den Kings Canyon / Watarrka zu besuchen, da er uns auf den Postkarten sehr gut gefiel. Dafür nahmen wir den Umweg von zwei mal 150km in Kauf. Auf dem Weg dorthin kamen wir wieder in Curtin Springs vorbei, wo wir zufälligerweise einen Hering wieder fanden, den wir beim ersten Besuch verloren hatten! Am folgenden Tag bogen wir nach 20km Fahrt in die Luritja Road ein, welche uns zum Kings Canyon führen sollte. Seit diesem Tag war ich wieder der Vordermann (wir fuhren ja gestaffelt) und so lag es an mir, einen Platz zum kochen zu suchen. Als ich glaubte, etwas geeignetes gefunden zu haben, schaute ich mir das Plätzchen mal genauer an. Dabei vernahm ich dieses unangenehme Pfeifen, welches wohl jedem Velofahrer vertraut ist. Als Aldi aufkreuzte sagte ich ihm, dass wir gezwungenermassen hier bleiben müssten, da ich einen Platten hätte. Er nahm das zur Kenntnis und überbot mein Missgeschick, indem er erklärte, dass sein Rahmen angerissen sei! In der Tat waren auf beiden Seiten der gefederten Hinterbaustrebe auf gleicher Höhe zwei Risse zu sehen. Wir hatten bereits bei der Reparatur des Wechslers in Yulara bemerkt, dass sich da etwas tat, denn der Lack blätterte ab und man sah, dass sich das Alu etwas verformt hatte. Aber wir dachten, das hält noch Monate lang... Nun war guter Rat teuer. Wir luden Nahrungsvorräte, Kochzeug, Apotheke, Reservepneu, Werkzeug und Glühbirne auf mein Fahrrad um (leider vergassen wir die Sonnencrème umzupacken; meine Ohren wurden vor lauter entzückung ganz rot). Aldi fuhr ein Stück zurück und konnte sein Velo bei einem Gehöft in der Nähe stehen lassen. Wir vereinbarten, uns bei der einzigen Kreuzung auf dieser Strasse zu treffen, wo wir unser Zelt aufschlagen wollten. So fuhr ich denn alleine weiter über zahllose steile und weniger steile Hügel, immer dem Lichtkegel des Scheinwerfers folgend. Die Strasse war nun praktisch verkehrsfrei. Und die drei Autos, die ich während der Dunkelheit sah, kamen mir alle entgegen – Pech für Aldi. An der abgemachten Kreuzung suchte ich eine Stelle, um das Zelt aufzustellen und stellte mich darauf ein, dass es länger dauern konnte, bis er kam. Glücklicherweise lief es anders: wegen dem schwachen Verkehr stoppte Aldi die entgegenkommenden Fahrzeuge, in der Hoffnung, es erbarme sich jemand seiner. Beim dritten Versuch hatte er Glück und Jack fuhr extra die 40km zurück um meinen Freund vor einer Nacht im Freien zu bewahren! So ist Australien. Am nächsten Morgen wusste Aldi nicht so recht, was er tun wollte, und alles was er tags zuvor gesagt hatte, hatte heute keine Gültigkeit mehr. Das machte mich ziemlich stinkig. Dafür entschädigte mich der Rückenwind, die schöne Landschaft und der rekordverdächtige Schnitt von 20km/h. Zu meiner Rechten begleitete mich die über 40 Meilen lange George Gill Range, welche mich stark an den mir so lieben Jura erinnerte. So erreichte ich gutgelaunt die Frontier Lodge. Hier checkte ich für den Campingplatz ein. Die Nacht kostet auch 11A$ pro Person, aber die Grenze des Nationalparks war hier ca. 40km entfernt, so dass ich mich fügte. Ausserdem musste mich Aldi finden können, wenn er zurück kam. Ich machte schon bald mit dem campingplatzeigenen Dingo Bekanntschaft. Was frei herum lag, wurde vernascht, aber auch die Zeltschnur hatte es ihm angetan, ebenso wie der Zeltsack, den er mitzunehmen gedachte. Ich lief in den Socken hinterher und nach einer rhetorischen Meisterleistung konnte ich ihm das Zeug wieder abluchsen. Später entschied er sich noch für die Treibstoffflasche unseres Kochers, aber die schmeckte dann doch nicht so gut. Nun stopfte ich alles ausser das Velo ins Zelt. Da ich alleine war, ging das ja noch, aber wie sieht das aus, wenn Aldi zurück kommt? Am nächsten Tag legte ich die 10km bis zum Canyon zurück und nahm die 6.5km lange Wanderung in Angriff (für mich ist das eine enorme Leistung, da ich einen fahrbaren Untersatz dem Gehen bei Weitem vorziehe). Der Canyon war atemberaubend. Er war viel weniger lang, dafür breiter, als ich erwartet hatte. Die Nord- und die Südwand waren sehr verschieden. Gemeinsam war ihnen, dass sie beide senkrecht bis überhängend in die Tiefe fielen und so glatt waren, dass man meinte, sie seien gesägt worden. So verbrachte ich fast den ganzen Tag in der Nähe des Abgrundes. Schade, konnte Aldi das nicht auch sehen. Ich konnte mit ihm per Combox kommunizieren und erfuhr so, dass er in Alice Springs war, das Liegerad bereits geflickt und dass er am nächsten Tag hier sein sollte. Eine gewisse Unsicherheit war vorhanden, da wir beide das genaue Datum selten kannten; ich hatte keine Uhr mitgenommen und wusste meist nicht einmal die Tageszeit. Tatsächlich traf ich ihn am nächsten Tag. Die Schwinge war repariert und auch die Schraube des Wechslers wurde durch ein Originalteil ersetzt. Zusammen besichtigten wir die hinreissende Kulisse und Aldi entdeckte den Lookout-Path, den ich Tags zuvor vergebens gesucht hatte. Ohne irgendeine Abschrankung konnten wir bis an den äussersten Rand der überhängenden Wand vordringen. Freilich taten wir das auf dem Bauch liegend, und noch so hatten wir Schiss; aber es war ein Heidenspass. Am Abend gingen wir in die Bar. Dort kam so richtig Stimmung auf, als sich der Musiker bei einem Stromausfall ohne Verstärker ins Zeug legte.
Back on the Track
Der Abschied von diesem Flecken Erde fiel mir dann echt schwer. Doch der Abschied von Watarrka bedeutete gleichzeitig das Wiedersehen mit einem alten Bekannten: der Gegenwind meldete sich zurück und verlangte uns alles ab. Nach 3 Tagen Fahrt erreichten wir wieder den Stuart HWY (oft einfach "The Track" genannt), der so etwas wie unser zu Hause war. Der "Abstecher" ins Red Centre (das wegen ergiebigen Niederschlägen im Herbst seinem Namen überhaupt nicht gerecht wurde und für unseren Geschmack viel zu grün war) dauerte etwa zwei Wochen und war ziemlich genau 1000km lang. Kurz nach Kulgera, einem Roadhouse, erreichten wir die Grenze zwischen dem Northern Territory und South Australia. Die Strasse wurde merklich breiter, die Strassenpfosten waren anders und der Strassengraben bestand aus lockerem Material, so dass das Fahrrad nur schwer zu steuern war, wenn man mal hineingeriet. Ihr fragt euch jetzt vielleicht, was wir im Strassengraben suchten. Wir benutzten ihn jeweils als Ausweichstelle, wenn sich in unserer Nähe ein Roadtrain und ein anderes Fahrzeug kreuzten. Die Roadtrains sind mit ungefähr 50m Länge die grössten "normalen" Fahrzeuge auf den Strassen der Welt. Sie sind schon eine sehr eindrückliche Erscheinung mit bis zu vier Anhängern. In der Regel hatten wir aber keine Probleme, ausser eben wenn sie mit andern Fahrzeugen kreuzten, überholt wurden oder –das war die Härte– selbst überholten. Die Überholmanöver kündigten sich mit einem röhrenden Motorengeräusch an und zogen sich über Hunderte von Metern hinweg (um einen solchen Lastwagen zu überholen sollte man eine Strecke von ca. 1km einkalkulieren). In solchen Situationen ist ein Rückspiegel Gold wert. Kurz vor der nächsten bedeutenden Station, Coober Pedy, passierten wir den Dingo Fence. Dieser Zaun ist heute etwa 5000km lang und mass früher sogar das Doppelte. Er soll heute dazu dienen, die Dingos im Norden von den Schafherden im Süden fernzuhalten. Ursprünglich wurde er 1887 erstellt, um den Norden vor Karnickeln zu schützen. Aber bis er fertiggestellt war, waren die netten Tierchen schon gleichmässig auf beiden Seiten des Zaunes verteilt. Auch heute lässt sich meiner Meinung nach über die Wirksamkeit des Zaunes streiten: das erste überfahrende Tier, das wir jenseits des Zaunes sahen, war ein Dingo.
Die "U-Stadt" Coober Pedy
Dann also näherten wir uns Coober Pedy. Der Name ist aus der Sprache der Yolngu abgeleitet. "Kupa Piti" bedeutet "weisser Mann im Loch". Das deutet bereits auf den Haupteinkommenszweig dieser Stadt mitten im Nichts hin. Hier wird gegraben, was das Zeug hält. Die Leute sind auf der Suche nach Opalen, in verschiedenen Farben funkelnden Edelsteine. Überall sind Schilder angebracht, die vor den Gefahren durch die Gruben warnen. Wir stellten unser Zelt in der Nacht unwissentlich wenige hundert Meter vom ersten solchen Schild entfernt auf... Coober Pedy deklariert sich selbst als Opalhauptstadt der Welt. Viele Leute (es sollen 50% der Bevölkerung sein) leben in unterirdischen Bauten, deshalb meine Bezeichnung als "U-Stadt". Die unterirdischen Wohnungen wurden gegraben, um der brütenden Hitze der Sommersonne und den frostigen Nächten des Wüstenwinters zu entgehen. Wir schlugen unser Lager jedoch in gewohnter Manier oberirdisch auf. Die Stadt hat Charakter, sie ist gewachsen, nicht geplant wie etwa Yulara. Die Trottoirs (Gehsteige) sind aus losem Material, überall hat’s Staub. Zum ersten mal fiel uns das im Supermarkt so richtig auf und es lag nur zum Teil daran, dass die Waren seit Jahren im Gestell auf einen Käufer warteten (wir kauften Halbpreis-Milkaschokolade, die bereits ein Jahr Überdatum hatte, was wir freilich zu spät merkten). Der einzige Minuspunkt, den diese Stadt aus meiner Perspektive aufweist, sind die vielen Hunde, die wohl die gefundenen Steine bewachen. Bis dahin hatten wir in den australischen Städten und Dörfern noch keine Hunde gesichtet. Als wir die Stadt nach zwei Ruhetagen wieder verliessen, hatte der Wind endlich die Richtung gewechselt und fegte nun von der Seite und manchmal von hinten. Da gingen selbst die Pflanzen auf Wanderschaft.
Woomera und die Wassertanks
Jetzt lag das längste Stück ohne Verpflegungsmöglichkeit vor uns: 252km sind es von Coober Pedy bis nach Glendambo (30 Einwohner, siehe Photo). Ca.230km führen durch die Woomera Prohibited Area. Dieses riesige Gebiet diente früher als Raketentestgelände. Auch Atombomben wurden hier gezündet. Die Stadt Woomera, die am südöstlichen Zipfel der Prohibited Area liegt, wurde nur für die Arbeiter des Militärs gebaut. Das Wasser stammt aus einer 180km langen Pipeline, die von Port Augusta her gezogen wurde. Die "besten" Zeiten der Stadt liegen aber schon einige Zeit zurück. Heute wird in die Sterne geschaut, soweit die Flutlichter des nebenan erbauten Flüchtlingslagers dies zulassen... Hier im menschenleeren Gebiet sah die Landschaft etwa so wüstenmässig aus, wie ich mir das gewünscht habe. Entlang dem Stuart HWY sind in unregelmässigen Abständen (je nach Bedarf) Wassertanks aufgestellt, wo man sich mit einigermassen frischem Wasser versorgen kann. In unserem Strassenatlas waren diese im Allgemeinen mehr oder weniger zuverlässig verzeichnet. Der erste und für uns wichtige Wassertank, der im Gebiet des Woomera eingezeichnet war, war in der Realität jedoch nicht vorhanden. Wir konnten nur hoffen, dass der zweite da war, doch der liess auch auf sich warten. Wir machten uns mit der Vorstellung vertraut, von einem freundlichen Automobilisten Wasser zu erbitten. Da entdeckten wir den Tank doch noch und quetschten raus, was zu holen war; 10km später als geplant. Ich geriet ein zweites mal in Wassernot: Prinzipiell prüfte ich bei jedem Wassertank, ob er dort war, wo er auf der Karte eingezeichnet ist, und ob er intakt war. Fehlte der Tank oder war z.B. der Wasserhahn kaputt notierte ich das; vielleicht hätte das ja einem anderen Radreisenden nützen können. Dies tat ich natürlich auch im Woomera-Gebiet, da erschien es mir besonders wichtig, weil ausser den Tanks keine Möglichkeit bestand, zu Wasser zu gelangen. Dummerweise vergass ich dabei einmal, meine Flaschen zu füllen... So kann es einem ergehen. Ein weiterer Höhepunkt war der Salzsee Lake Hart. Wir kamen in der Dunkelheit an und erkannten am Morgen den Salzsee. Natürlich mussten wir uns das aus der Nähe ansehen. Wir verbrachten etwa eine Stunde am und auf dem See, der übrigens grossenteils mit Wasser gefüllt war. Dort konnten wir auch vier Emus beobachten, die einen Morgenspaziergang unternahmen.
Schaffen wir’s bis PA?
Wir waren noch drei Tagesreisen von Port Augusta entfernt, als Aldi einen Defekt an seinem Vorderrad feststellte. Es zeigte sich, dass es sich nicht einfach um eine Acht handelte, sondern dass die Felgenwand zu dünn geworden war und deshalb eine Delle aufwies. Da half nur Luft ablassen. Das Fahren ging nun wieder, doch kostete es Aldi natürlich mehr Kraft. Sein Ziel war es nun, sein Liegevelo heil bis nach Port Augusta durchzubringen. Schmerzlich war für ihn auch, dass gerade jetzt die zwei bisher mit Abstand längsten und steilsten Abfahrten zu bewältigen waren. Er limitierte die Geschwindigkeit auf 25km/h, während ich mit über 60km/h runtersausen konnte. Ein weiteres Hindernis stellten für ihn die Grids dar. Das sind meistens Eisenbahnschienen, die quer zur Strasse liegen und für das Vieh eine unüberwindbare Barriere darstellen. In der Westschweiz sind sie als Bovi-Stop bekannt. Dabei haben wir festgestellt: je schneller man drüber fährt, je weniger holpert es. Mit der kaputten Felge konnte sich das Aldi aber nicht leisten und musste jeweils absteigen. Nichts desto Trotz: wir schafften es wohlbehalten bis nach Port Augusta und hatten somit den Kontinenten durchquert. Glücklicherweise fand Aldi in Port Augusta eine Ersatzfelge (was nicht leicht war) und die erwähnte Ersatzbirne für meinen Scheinwerfer. Die Stadt hat ein kleines lebhaftes Zentrum. Es ist schwer, die Ambiance zu beschreiben, aber wir fühlten uns jedenfalls wohl. Einziges Manko aus meiner Sicht: es hat nur Seafood und asiatische Restaurants, die italienische Küche ist leider nicht vertreten.
Port Augusta bis Adelaide: Kulturschock
Allerdings erlitten wir so was wie einen Kulturschock. Waren wir nun anderthalb Monate mehr oder weniger in der zivilisationsarmen Einsamkeit der Wüste gewesen, wo wir tun und lassen konnten, was wir wollten, wo nur Agrochrut und vereinzelte Bäume wuchsen, wo kaum Verkehr war, so befanden wir uns zwischen Port Augusta und Adelaide in zusehends dichter besiedeltem, fruchtbaren Gebiet mit viel Verkehr. Es war nicht wirklich schön und die rücksichtslose Fahrweise der motorisierten Verkehrsteilnehmer löste in mir manchen Wutanfall aus. Der Regen, der Wind und die Kälte taten ein übriges. Hie und da war aber der Galgenhumor stärker und ich konnte dem Ganzen eine humorvolle Seite abgewinnen, so zum Beispiel als wir bei Regen, Wind und Kälte dieses prächtige Mittagessen kochten. So fuhren wir bei täglichem Regen bis Adelaide. Nach einer kleinen Irrfahrt fanden wir weit abseits des Zentrums einen Campingplatz. Hier war aber nicht mehr die lockere Haltung des Nordens anzutreffen, vielmehr waren schweizerische Genauigkeit und Pünktlichkeit angesagt. Na ja. Wir erkundeten die Stadt am ersten Ruhetag gemeinsam, am zweiten Tag gingen wir jeder auf eigene Faust auf Entdeckungsreise. Das Radfahren in einer so grossen Stadt ist nicht wirklich ungefährlich aber man kommt recht gut voran. Mich zog es zum Strand von Glenelg, die Felgen meines Velos werden mir diesen Abstecher wohl nicht so schnell vergessen... Hinter Adelaide erwarteten uns steile Hügel. Die Roadtrains, die seit Port Augusta nur noch zwei, in Ausnahmefällen drei Anhänger hatten, schoben sich schnaufend den Berg hinauf; andere fuhren mit knapp 20km/h talwärts. Das vermittelte einen guten Eindruck der enormen Lasten, die sie schleppten. Dann führte uns die Strasse entlang des Coorong National Park. Hier war das Geräusch von unzähligen quakenden Fröschen zu hören. Als ich es zum ersten Mal hörte und noch nicht identifizieren konnte, befürchtete ich irgend einen Defekt am Fahrrad. Nach Kingston riss mir das Ventil des Schlauches aus, als ich wegen Luftverlust pumpen wollte. Es war schon dunkel, doch die Reparatur wurde dadurch vereinfacht, dass ein hilfsbereiter Automobilist anhielt und mir mit seinen Scheinwerfern Licht machte. Er war selbst übrigens Besitzer eines Liegevelos und liess es sich nicht nehmen, eine Runde auf dem reparierten Rad zu drehen. Als wir weiter fuhren begann es immer stärker zu regnen. Doch es gestaltete sich als äusserst schwierig, einen geeigneten Platz für das Zelt zu finden, da links und rechts der Strasse Sumpf war. Schliesslich fanden wir etwas passables und stellten in Windeseile unser gebeuteltes Zelt auf. Draussen stürmte und regnete es vom Schlimmsten. Am Morgen war es denn auch nicht erstaunlich, dass ich meine Sacochen, welche ich über Nacht immer ins Zelt nahm, in einer Pfütze vorfand.
Wir haben’s geschafft: Melbourne!
Trotz all der grossen und kleinen Widrigkeiten (mir kam beispielsweise kurz nach Adelaide mein Porte Monnaie abhanden. Als ich es auf der Polizeistation abholte fehlten zwar 50-60A$ Bargeld, doch Visakarte, Pass etc. waren noch da. Aldi stellte 3 Tage vor Melbourne fest, dass auch die Hinterradfelge ersetzt werden musste), die uns im südlichen Gebiet widerfuhren, schafften wir es bis Melbourne. Vom Eingang zur Stadt bis zu unserer Unterkunft bei einer Internet-Bekanntschaft Aldis waren 85km zurückzulegen. Wir fanden ziemlich zielsicher die richtigen Strassen durch das Zentrum der Stadt. Schliesslich brauchten wir bloss noch dem richtigen HWY zu folgen. Doch der hatte es in sich. Ein Hügel reihte sich an den nächsten. Ziemlich ausgelaugt kamen wir dann in Belgrave an. Wir hatten nun zwei Tage hintereinander 145km zurückgelegt – ursprünglich planten wir, diese Strecke in drei Tagen bewältigen. Doch dann wollten wir's wissen. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Melbourne hat mir besser gefallen als Adelaide, welches uns von einigen Australiern als sehr schöne Stadt empfohlen wurde. Ich weiss nicht, was ausschlaggebend dafür war; vielleicht lassen euch die Impressionen, die ich auf Photopapier gebannt habe, meinen Gefallen an dieser Stadt begreifen. Entscheidend ist sicher auch, dass wir trotz leichter Zeitnot am Ziel unserer Reise waren. Zusammen besichtigten wir den Rialto Tower, welcher das höchste Gebäude auf der südlichen Hemisphäre sein soll. Dort schrieben wir Karten und genossen einfach die gemeinsam erlebten Abenteuer. Und das waren nicht wenige!
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